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Feiern bis zum Ende – Berlin für einen Wochenendtrip

Berlin ist fertig. Endlich fertig geworden. Nicht irgendwie abgeranzt fertig oder charmant zerrissen, so wunderbar unentschlossen; Nein, Berlin hat sich endlich erschaffen und steht nun mit all seinen hypermodernen Prachtbauten den Sightseeing-Besuchern zur Besichtigung offen. Jedenfalls in Mitte. Es wirkt, als ob sich millionen Zuschauer an dem fertigen Berlin und an sich selbst ergötzen. Berlin ist aufgebaut. Kollateralschäden, wie der nie fertig werdende Flughafen Schönefeld, sind Erinnerung an das „alte“ Berlin. Wird belächelt. Im Herzen Berlins erstrahlt die Metropole im vollen Schein ihrer satten Strassen und Häuser, wird eingekauft bis die Geldbeutel platzen.

Und auch die Outsider, für die Berlin so berühmt ist, wie zB. die Punks in den 80gern, sind mittlerweile im „fertigen“ Rebellentum angekommen. Am radikalsten ist der Typ, der mir gegenüber am Alex in der U-bahn sitzt. Das Gesicht voll mit gekrakelten Linien. Tätowiert. Bewußt ugly. Krass. Geht ja so schnell auch nicht mehr ab. Auch irgendwie fertig. Der Mann bleibt erstmal Punk. Forever. Das steht mal fest. Was der da im Gesicht hat nennt sich in der Tattoo Szene „Trash Polka“. Der Stil verzichtet weitgehend auf klassische Tattoo Motive. Was teils an wilde Malerei erinnert. An Schmiererei. An rein grafische Exzesse mit komplementären Farben. Und das auf der Haut. Und im Gesicht. Mehr geht eigentlich nicht. In Berlin sind selbst die Punks zu Ende gedacht.

Schaut euch das neue Berlin selber an. Eine gute Gelegenheit dafür ist das Tattoo Festival Berlin. Das familiär und gemütlich gehaltene Festival zeigt viele Berliner Artists und Tattoo Modelle. Es findet vom 1.-2. Dezember in der Kult-Location „Huxleys Neue Welt“ statt. Dort wo sonst Bands wie die Flaming Lips oder Mars Volta aufschlagen. Die Location in Neukölln steht für gute alternative Projekte und ist als Ausflugsziel für eine „Tattooed Soul“ sehr zu empfehlen. Gerade Neukölln mit seinen vielen Bars rund die Weserstraße lädt dazu ein aus dem Messebesuch ein verlängertes Wochenende zu machen. Unbedingter Pflichtbesuch auf diesem Trip stellt aber das legendäre SO36 in Kreuzberg, im Kiez nebenan, dar. Dort befindet sich seit nunmehr 40 Jahren die Sperrspitze der Subkultur. Musik- und Tanzveranstaltungen, Hausbesetzer- und Queer- Projekte, feministische Angebote und Workshops.  Die meisten der Besucher hier haben Tattoos und Piercings. Dort wo früher die Stars des alternativen Musikszene ein und ausgingen läßt sich gut feiern. Die Zeiten im SO36 waren immer wild. Martin Kippenberger, Enfant terrible der Kunstszene, war einmal Betreiber des SO36. Und bekam es prompt mit den Punks zu tun, die zu recht fürchteten, dass die elitäre Kunstszene nur zu gerne die teureren Bierpreise zahlt. Als Alibi für „street credibility“. Ist dies heute auch noch so? Kippenberger jedenfalls bekam prompt von „Ratten Jenny“ eins übergebraten, und verzupfte sich dann bald aus Berlin. 

Bands wie „Die tödliche Doris“ oder die „Einstürzenden Neubauten“ spielten hier ihre Gigs, ebenso wie „Die Ärzte“ oder die „Toten Hosen“. Dennis Hopper hat einen Film im SO36 gedreht und damit für internationale Aufmerksamkeit gesorgt. Natürlich ist das SO36 längst kein Geheimtipp mehr. Udo Lindenberg kam später oft vorbei. Auch der Loveparade-Erfinder Dr. Motte. Dennoch hat die Location ihren alten Flair nicht verloren. Nach wie vor lohnt sich ein Besuch, wenn man auf Rock’nRoll, Tattoos und wilde Nächte steht.

Je später der Abend desto doller. Irgendwann morgens stolpert man durch Zigarettenqualm und Neonlicht über Bierdosen hindurch ins Freie. Dann geht es weiter nach nebenan: ins „Roses“. Die Gaybar hat sich dem Hedonismus verschrien, homo, wie hetero. Hier kann zwischen Kitsch, Schlager und Matrosenflair, fertig-gefeiert werden. Unbedingt denjenigen zu empfehlen, die gerne im Dunkeln schunkeln. Die „Tattooed soul“ ist nun im Paradies angekommen. Berlin der Abschüsse und Abschlüsse. Ein Wochenende lang zumindest geht das gut.

Besonders wenn man nicht auf leeren Magen trinkt. Darum vorher zum Essen gehen. Im Italiener um die Ecke, im Il Casolare, ist es immer voll. Und laut. Und hektisch. Der Gast wird nicht um-hätschelt. Was manch einer in Berliner Ausgeh-Blogs bekrittelt, kann eine „Tattooed soul“ nicht schrecken. Die Pizza schmeckt genial, das laute Ambiente ist grad herrlich rockig. Der Betreiber veranstaltete einst ein legendäres Italopunk-festival im SO36. Grund genug das Il Casolare aufzusuchen. Das ist kein Weichei-Ambiente, sondern einfach Rock’nRoll, auch beim Essen. Hier kann man Pizza neapolitanischer Qualität in authentischer Punkrock Atmosphäre geniessen. Nicht weil die Accessoires  besonders „punkig“ wären. Nein. Viel besser. Die echten Musikgrößen gehen hier ein und aus, und verewigen sich gerne mit ihrer Unterschrift an der Wand. Unter Ihnen die Ramones, NOFX, die Beatsteaks und und und . Die Kellner sind ruppig, aber alle aus der Punkrock-Ecke und tätowiert. Am besten die Pizza mit Pferdewurst nehmen. Dann ist der Wochenend-Ausritt perfekt.

 

Zuletzt sei noch das „Wild at heart“ in der nahegelegenen Wienerstrasse zu empfehlen. Dort findet man Rockabilly-Kultur, Rock’nRoll und Garage Punk. Wieder viele Leute mit Tattoos hier. Bier und Shuts fließen in Strömen. Punkrock-legenden wie „the Exploited“ oder „the Lurkers“ haben hier eine Bühne und eine Homebase. Auch die Londoner Band „the Damned“ weiß das „Wild at heart“ zu schätzen. Das „Wild at heart“ ist mittlerweile seit über 20 Jahren ein Treffpunkt der alternativen Szene.

Alles in allem ist man mit diesen Ausgehtipps gut gewappnet für das Tattoo-Festival am 1. Dezember im „Huxley“. Wir von den Anansi Chronicles wünschen euch ein schönes Wochenende dort. Laßt euch für diese Fahrt ein neues Tattoo stechen. Hier in München. Und zeigt es dann in der Hauptstadt herum. Neue Eindrücke tun dieser Stadt nur allzu-gut.

Adressen: 

HUXLEYS NEUE WELT: Hasenheide 107, 10967 Berlin / https://huxleysneuewelt.com/

SO36: Oranienstraße 190, 10999 Berlin / https://so36.com/

ROSES: Oranienstraße 187, 10999 Berlin / https://www.yelp.de/biz/roses-bar-berlin

IL CASOLARE: Grimmstraße 30, 10967 Berlin / https://www.yelp.de/biz/il-casolare-berlin

WILD AT HEART: Wiener Straße 20, 10999 Berlin / http://www.wildatheartberlin.de

Text: Julian Bachmann

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