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Auf hoher See – die Sailor Tattoos und viel Seemanns-Garn

Man kann keine neuen Ozeane entdecken, hab man nicht den Mut, die Küste aus den Augen zu verlieren.“   (André Gide)

Gibt es sie noch? Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen. Ab und zu vielleicht noch. Immer weniger. Auf alten Männern, die draußen auf Kaution durch die Straßen ziehen, fast unbemerkt. Wann sind sie verschieden?  Nachdem das Rauchverbot 2010 die letzten urig verwilderten Kneipen in Bayern in Luft aufgelöst hat? Und aus denen die alteingesessenen Bewohner gleich mit flohen?

In diesen Kneipen hatte ich sie noch ein manches Mal gesehen. Damals. Die Rede ist von den Seemann-Tattoos, von den Ankern auf der Haut, die Schildkröten und die Schiffe, allesamt aus der Zeit als man noch von Meerjungfrauen träumte. Und auch von Piratenflaggen und Totenköpfen. Gibt es im Glockenbach-Viertel keine Männer mit Schusswunden mehr? Nur noch ganz selten. Und Frauen mit Zahnlücke und Pippi-Langstrumpf-Socken. Kaum zu sehen! Mit ihnen – gingen die Sailor Tattoos?

Damals, in den Zeiten von Outsidertum und Margarete Thatcher, da galt ein Tattoo mit Meeresbrise noch etwas. Der Anker. Zum Beispiel.

Der Anker steht für Halt. Für Verlässlichkeit und Standfestigkeit. Die Revolution hatte ihre Werte fest im Griff. Hat es was mit unserer losen Zeit zu tun, dass der Anker als Tattoo ausgedient hat. Will man sich als Facebooker und Netzbrooker nicht mehr festlegen, immer unverbindlich auf der Suche bleiben? Wenn man starr auf der Suche ist, kann man niemals etwas finden. Nicht einmal Meerjungfrauen. Man muss schon ein bisschen ziellos aufbrechen. Des Abenteuers wegen. Und den Anker immer dabei haben. Auf seiner Haut. Dann kann man vielleicht etwa finden.

Oder die Meerjungfrauen, die da so verführerisch von Liebe sangen. So verführerisch, daß Man(n) sie als Tattoo trug (um sie nie wieder zu vergessen). Romantisch! Gibt es noch romantische Männer? Echte Männer?

Die hohe See ist wild. Immer noch. Und die Accessoires haben sich vielleicht nur verändert. Sind fremder, undeutlicher geworden. (Parallel dazu steht die reine Typographie, der eintätowierte Satz; der aus dem Zusammenhang gerissen leider auch oft platt und kryptisch bleibt) Schade. Die Sprache der hohen See war hier eindeutiger. Den Mädchen war klar, daß sie einen Matrosen vor sich hatten. Der von seinen Erfahrungen mit wilden aus der wilden Inselwelt erzählen konnte. Der Abenteuer erlebt, überlebt, und den sicheren Hafen verlassen hat. Nur um zurückzukommen, und das Leben wieder in all seinen Facetten zu genießen, mit der Frau seinen Lebens an der Seite.

„Kein Wind ist demjenigen günstig, der nicht weiß, wohin er segeln will..“   (Michel de Montaigne, 1533 – 1592)

Die frühen Seefahrer, die Segler der Weltmeere, brachten die Tattoos mit in die europäische Welt. Von den Einheimischen Tahitis ließen sie sich zeigen, wie man etwas von Bedeutung in die Haut einstach. Die Matrosen von Captain James Cook wußten Ende des 18. Jahrhunderts nur zu gut von was sie da auf ihrer Haut berichten wollten. Von Sehnsucht nach zu Hause, ihren Ängsten, ihren Eroberungen, von fremden, neuen Welten und Abenteuer- und Lebenslust. Von der hohen See und das Gefühl, wenn wieder ein sicherer Hafen in der Ferne zu sehen war. In dem man mit all seinen Erlebnissen zurückkam. Keine beliebigen Tattoos.

Darum ist die Zeit der Seemann-Tattoos noch nicht vorüber. Man muss sie nur neu entdecken.

Grund genug einige Motive und ihre Bedeutung vorzustellen:

Da wäre zuerst das volle, prächtige Segelschiff zu nennen. Als Tattoo im Ganzen. Sein Träger hat schon das südamerikanische Kap Horn umfahren. Ist auf der hohen See zu hause. Übertragen bedeutet das Motiv „Schiff“, daß der tätowierte Seemann Verantwortung übernimmt auf seinen Reisen. Er kann mit seinen Fahrten die Familie ernähren. Ein Schiff steht für ein robuste Lebenseinstellung. Jemand der das Leben in die Hand nimmt. #schiffdeslebens #wearefamily

„Über den Wind können wir nicht bestimmen, aber wir können die Segel richten.“   (Die Wikinger)

„Wie glücklich man am Lande war, merkt man erst, wenn das Schiff untergeht.“   (Seneca, ca. 4 v. Chr – 65 n. Chr)

Dann gibt es da auch den Anker. Sein Träger bzw. Trägerin haben schon den Pazifik überquert. Wie schon oben beschrieben, steht er dafür, dass sein Träger im Leben Halt gefunden hat. Geerdet ist. Ihn kann so leicht nichts umhauen. Opportunismus ist ihm verhasst. Er ist zu seinen Kameraden loyal. Aber auch zu seiner Liebsten. Der Anker symbolisiert die Liebe und Treue in einer Beziehung. Mit dem Tattoo zu ankern, bedeutet zu seinem Partner durch dick und dünn zu gehen. Forever – daher gut überlegen, bevor man ihn sich für immer in die Haut sticht. #hierankern #loyality

„Ein Anker ist gut, zwei sind besser.“   (Michael Gorbatschow)

Der nautische Stern:  Der Nordstern ist das Symbol für den sicheren Heimweg. Der Träger dieses Tattoos findet seinen Weg, durch alle Gefahren hindurch. Der nautische Stern bringt Glück. Die abergläubischen Seefahrer ließen sich den Stern auf die Hand tätowieren, um das Glück stets vor sich zu haben. Um sein Schicksal in die Hand zu nehmen.

Die Meeresschildkröte: Der Ozean steht bei den Maoris für den Ort, wohin der Gestorbene nach dem Tod einkehrt. In der polynesischen Kunst und Kultur ist es die Schildkröte, welche in beiden Welten wandelt: im realen Leben auf dem Land, im metaphysischen im Wasser. Die Schildkröte als Tattoo-Motiv steht für das Bewusstsein, daß hinter all dem Schein noch ein tieferes Sein liegt.

Der Kompass: Der Kompass weist einem den Weg hinaus aus jeder Unsicherheit und jedem Sturm. Auf ihn kann man sich in jeder Lebenslage verlassen. Er hat eine spirituelle Dimension, denn der Kompass besitzt eine Macht die größer ist als man selbst – sie läßt den Zeiger stets in eine Richtung zeigen. Der Popstar Björk hat einen alten isländischen Kompass auf dem Oberarm tätowiert. Das Symbol Vegvisir ist ein Kompass und Schutzzeichen, welches früher mit Blut auf die Stirn aufgemalt wurde. So kann sich der Träger niemals verlieren.

Schwein und Hahn auf der Fußoberseite: Auf den ersten Blick ein merkwürdiges Tattoo-Motiv für Seeleute. Denn ein Hahn würde auf hoher See sofort untergehen (Hühner können tatsächlich nicht schwimmen), und auch ein Schwein läßt sich nur schwer als Meerestier vorstellen. Für eine Matrosen-Tätowierung eignen sich beide Motive dennoch, denn sie sollen den Träger vor dem Ertrinken bewahren. In den Schiffen wurden beide Tierarten in Holzkäfigen transportiert; ging das Schiff dann unter, so blieben die Käfige über dem Wasser schwimmend – im Gegensatz zu den ertrinkenden Seeleuten. Hahn und Schwein symbolisieren die Hoffnung, bei einem Unglück nicht sofort unterzugehen, sondern daß immer noch ein Funken Hoffnung auf Rettung bleibt.

Es gibt viele, große und kleinere Motive aus dem Nautical Bereich. Jedoch ein Motiv sticht aus allen heraus:

Die Seefahrer im 18. Jahrhundert berichteten von jungen Frauen, die sich unwiderstehlich auf den Felsen sonnten. Die auf hoher See vereinsamten Matrosen waren sofort verführt; so stark, daß sie oft nicht merkten, daß da nur Seekühe lagen. Egal. Die Sehnsucht nach Weiblichkeit war groß auf einem Schiff im Pazifik. Mit einer Meerjungfrau als Tätowierung hatten sie stets weibliche Begleitung an Bord.

Für uns „moderne“ Seemänner sind Meerjungfrauen ein Top-Motiv: Es ist Frauenpower pur. Eine Meerjungfrau kann einerseits verführen, erotisch sein, andererseits gibt sie die Segel nicht aus der Hand. Sie bestimmt den Kurs und entscheidet über das Geschick des Notleidenden Seemanns. #course

(Autor: Julian Bachmann)

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